Naturfreundehaus
Luise Wyneken

Luise-Wyneken-Straße 4
31582 Nienburg
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Luise Wyneken

Nach zehnjähriger ,,anonymer" Existenz erhielt das Nienburger Naturfreundehaus im Jahre 1963 den Namen ,,Luise-Wyneken-Heim". Es war eine postume Ehrung, denn die Namensgeberin verstarb bereits 1946. Doch viele, die mitwirkten an der Entstehung dieser Stätte, hatten Luise gekannt und verehrt. Es waren ihre Ideale, denen sie sich verpflichtet fühlten.
                                
                                 Wahrhaftigkeit – Gerechtigkeit – Güte – Heiterkeit

Das Schockerlebnis Erster Weltkrieg und das Elend der Zivilbevölkerung hatten die Pastorentochter aus Göttingen zu einer überzeugten Pazifistin, zu einer sozialistisch denkenden Frau gemacht, die sich politisch engagieren wollte. Luise Wyneken war Lehrerin an der Nienburger Haushaltungs- und Gewerbeschule seit 1908, ab 1931 deren Leiterin.  Sie stritt für das Frauenwahlrecht und wurde 1919 als erste Frau in den Rat der Stadt Nienburg gewählt. Hier trat sie vor allem für sozial- und jugendpolitische Belange ein und half als Sozialdemokratin und Bürgervorsteherin in den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges durch ihr soziales Engagement manche Not zu lindern. In leidenschaftlichen Reden trat sie für den Frieden und die Völkerverständigung ein.

1923 führte die Abenteuerlust sie für zwei Jahre nach Amerika. Dort verdingte sich die Haushaltungs- und Gewerbelehrerin als Köchin und durchquerte die Vereinigten Staaten – als Anhalterin.

Neben ihrem Engagement in Nienburg für die Rechte der Frauen gehörte ihr Herz vor allem der Jugend. Da waren es vor allem die Arbeiterkinder, denen sie sich zuwandte: „Die brauchen mich am meisten.“ Eine Zeitzeugin: ,,Bei Luise hatten wir das damals seltene Gefühl, voll anerkannt zu sein.“

Als Leiterin der Arbeiterjugend ging sie mit ihrer Gruppe häufig „auf Fahrt“. Keine Frage: Die gute Kennerin der Pflanzen- und Tierwelt weckte in vielen der ihr Anvertrauten das Interesse für Natur und Umwelt (obgleich man letzteren Begriff damals noch gar nicht kannte).

In Luises Wohnung in der Friedrichstraße versammelte sie häufig 20 bis 25 Jugendliche um sich, um ihnen das Rüstzeug zu geben, in einer Zeit des sozialen und gesellschaftlichen Umbruchs zu bestehen.

Ihre antifaschistische Haltung bewies sie am 8. März 1933 mit der Weigerung, die schwarz-rot-goldene Fahne der Weimarer Republik an SA-Leute herauszugeben, die stattdessen die Hakenkreuzfahne an der Haushaltungsschule hissen wollten.

Beschuldigt, „Marxistin“ zu sein, gehörte Luise Wyneken zu den ersten Pädagogen der damaligen Provinz Hannover, die auf Grund des § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums  aus dem Staatsdienst entlassen wurde. Sie zog nach Göttingen, wo sie sich der Pflege ihrer 80jährigen Mutter widmete.

Luise Wyneken wurde nicht zur Heldin. Am 23. Januar 1938 schreibt sie: “Besser treu im Rahmen dieses Staates mitarbeiten, als meckern und im politischen Schmollwinkel sitzen. Wenn ich nicht für meine Mutter da sein müsste, würde ich vermutlich der Volkswohlfahrt mich zur Verfügung stellen.” 1939 vollzieht sie diesen Schritt. War Luise Wyneken zu einem kleinen Rädchen im Getriebe des nationalsozialistischen Apparates geworden?

Trotz Fortzuges nach Göttingen riss die Verbindung zu ihren Nienburger Freunden nie ab. Ihrem Wunsch entsprechend wurde sie nach ihrem Tod am 22. Oktober 1946 auf dem Nienburger Friedhof an der Fichtestraße beigesetzt. Auf ihrem Grabstein können wir gemäß ihrem Willen außer den Lebensdaten die Worte lesen:
,,Wahrhaftigkeit Gerechtigkeit Güte / Heiterkeit“.

Bericht über eine Lesung aus dem Amerika-Reisetagebuch von Luise Wyneken
Seeing America from the kitchen
Als Köchin, Sozialistin und Vagabundin durch Häuser und Wüsten Amerikas 1923-1925
bearbeitet von Patricia Berger

Luise Wynekens Reisetagebuch humorvoll und aktuell

Konzentriert hörten 26 Ohren den Worten von Patricia Berger über das Reisetagebuch von Luise Wyneken zu. Wyneken war in der Zeit von 1923-1925 in den Vereinten Staaten gewesen. Ihren Grund für die Auswanderung, ihre Erfahrungen als Angestellte in den amerikanischen Haushalten als auch ihre Reisen per Anhalterin von mehreren tausend Kilometern durch die USA hat die Namensgeberin unseres Naturfreundehauses immer mit spitzen Humor versehen. Ihre Erlebnisse als hochqualifizierte Kraft fürs Schrubben und Putzen tätig zu sein haben durchaus einen aktuellen Bezug zu den heutigen Migrantinnen in der Bundesrepublik. Wer das Tagebuch liest, gewinnt viele konkrete Beispiele aus dem Leben der zwanziger Jahre, erfährt einiges über soziale Aspekte in und Reiseeindrücke aus den Vereinten Staaten sowie etwas über die praktische Einrichtung von amerikanischen Haushalten für die Haushaltshilfen im Vergleich zu Deutschland. Und das nicht nur trocken, sondern locker und fröhlich aus Luises Leben und Mundwerk gegriffen.

Die anschließende Diskussion brachte dann noch einige Ergänzungen zum Wirken von Luise Wyneken, die in Nienburg durch ihr soziales, uneigennütziges und konsequentes Engagement wohl mehr als nur eine Generation geprägt hat.

Das Reisetagebuch ist für 12,90 € unter der ISBN-Nummer 3-927678-24-4 im Buchhandel erhältlich.

Die Fahne

Aus Anlass eines Jubiläums wurde den NaturFreunden von Alfred Thomas ein gerahmtes Gedicht “Die Fahne” überreicht. Der Verseschmied war ein Nienburger Lehrer, Dr. Reichwage, es spielt im Jahre 1933. Man darf sich nicht an der etwas pathetischen Form stören. Wie so oft im Leben: Auf den guten Kern kommt es an; und so zeigen diese Verse die furchtlose Standhaftigkeit Luises gegenüber den gerade an die Macht gekommenen braunen Machthabern.
Anmerkung: Das Lied Hoffmann von Fallersleben, der selbst ob seiner demokratischen Gesinnung jahrzehntelange Flucht und Verfolgung im eigenen Vaterlande hatte auf sich nehmen müssen, das war nicht das Lied dieser Leute, die es verfälschten und für ihre größenwahnsinnigen Ideen missbrauchten: Das Absingen konnte Luise nur in ihrer Entschlossenheit bestärken.
Und noch eine Erläuterung: das “Haus am Walle”, die Haushaltungsschule, stand am Schloßplatz und wurde noch in den letzten Kriegsjahren zerstört. Aber nun die Verse:

         Die Fahne

Zu Nienburg-Weser am Walle
da stand ein schlichtes Haus
dort gingen alle Morgen
viel Jungfraun ein und aus.

Sie lernten darin das Kochen
und andere Dinge mehr.
Doch heute stand es verlassen,
einsam, still und leer.

Galt es doch heute zu feiern
den großen Siegestag.
Drum war schon früh zu Beinen,
was sonst in den Betten lag.

Da steh’n sie an der Ecke
wohl tausend an der Zahl.
Der lange dort mit der Glatze
ist wohl ihr General.

Ein Schrei entringt sich den Kehlen:
“Auf! Marsch nach dem Hause am Wall.
Wir werden den Feind nicht verfehlen!”
Los stürmt nun der ganze Schwall.

Wie herrlich war anzusehen
die todesmutige Schar.
Doch leider blieb sie bald steh’n,
weil sie angekommen war.

Das Haus ist bald umzingelt,
besetzt jede Tür gut.
Jedoch man konnte es sehen,
es fehlt ihnen noch der Mut.

So stimmten sie ein mit hellem,
mit hohem, lautem Klang
das Lied, das einst der Hoffmann
von Fallersleben sang.

Da droben an ihrem Fenster
steht des Hauses Herrin allein
dankt lächelnd der Ovatione,
sing mit dann im Verein.

Doch als das Lied verklungen,
da wird nun ernst gemacht.
Die drei Tapfersten und Besten
stürmen ins Haus auf Jagd.

Auf Jagd nach Freiheitsfahne
ihren schwarz-rot-goldenen Schein,
für die auch der Hoffmann gestritten.
Das Lied gilt ihr allein.

Sie hassten diese Fahne,
sie fürchteten sie vielmehr.
Das diente der stolzen Fahne
zur allerschönsten Ehr.

Die Türen sind bald erbrochen.
Sie stehen im stillen Raum.
Des Hauses Herrin empfängt sie,
man sieht ihr Lächeln kaum.

“Der Fahne hab’ ich geschworen,
und ihr erhaltet sie nicht!
Sie verbrennt hier im heiligen Feuer!”
Da wenden sie ab das Gesicht,

gehen wider die Treppe hinunter
zu denen, die draußen steh’n,
um, wie begossene Pudel,
verdrossen nach Hause zu gehen
.